Audiowalk auf den Spuren der Familie Rosenberg

Auf den Spuren der Familie Rosenberg

Der Familie Rosenberg ging es wie vielen jüdischen Familien in der Zeit des Nationalsozialismus: Sie wurde nach und nach diskriminiert, entrechtet, bedroht, zur Auswanderung gedrängt, an der Flucht gehindert, auseinandergerissen, interniert, deportiert und ermordet. Nur Tochter Gertrud konnte rechtzeitig in die USA fliehen. An die Ermordung ihrer Eltern Siegmund und Frieda sowie ihres Bruders Helmut erinnern heute Stolpersteine in Bremen.

Ihr hört den Audiowalk auf einem Rundgang durch die Bremer Innenstadt oder hier über unsere Website. 11 Hörstationen berichten auf der Grundlage von Quellen aus dem Staatsarchiv Bremen über die Lebenswege der Familie Rosenberg.

Hinweise zum mobilen Abruf der Hörstationen findet ihr am Ende dieser Seite. Der Audiowalk beginnt in der Feldstraße 22 und endet am Staatsarchiv 1. Der Spaziergang dauert etwa 2 Stunden.

Das Projekt wurde von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ im Wettbewerb „Theater. Macht. Geschichte.“ ausgezeichnet.

Die Geschichte der Familie in 11 Stationen

Route durch die Bremer Innenstadt mit den Hörstationen

Station 0 – Einführung in der Feldstraße – Länge: 3:24 Min.
» Zur Erinnerung an das Schicksal der Familie Rosenberg wurden für Helmut, Frieda und Siegmund Rosenberg vor der Feldstraße 22 Stolpersteine verlegt. (Foto: Projektteam)

Die Familie Rosenberg – das sind die Eltern Siegmund und Frieda, die Tochter Gertrud und der Sohn Helmut. Eine jüdische Familie zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Begleitet uns mit diesem Audiowalk auf ihren Spuren durch Bremen! Wir verfolgen ihre Lebenswege in die Niederlande, die USA und in die deutschen Vernichtungslager. Dabei erfahrt ihr nicht nur etwas über das Geschehen in Bremen zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch über den Umgang anderer Staaten mit geflüchteten Juden und Jüdinnen.


Station 1 – Feldstraße 22 – Länge: 5:36 Min.
» Aus Bassum zieht Familie Rosenberg in die Feldstraße 22 – ihre letzte gemeinsame Wohnung. (Foto: Projektteam)

In der Feldstraße 22 hatte die Familie Rosenberg eine kleine Wohnung in Bremen. Hier lebte sie nach ihrem Umzug aus Bassum das letzte Mal zusammen. Im August 1938 versuchte sie vergeblich nach Argentinien auszureisen. Nur Gertrud bekam im September 1938 ein Visum für die USA.


Station 2 – Auf dem Weg zu Station 3 – Länge: 3:11 Min.
» Helmut Rosenberg wird im Februar 1943 in das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork eingeliefert. Aufnahme von 1943/44. (Quelle: Archief Herinneringscentrum Kamp Westerbork.)

Nach Gertrud trennte sich auch Helmut von seinen Eltern. Sein Weg führte ihn zunächst nach Hamburg und dann in die Niederlande.


Station 3 – Ostertorsteinweg 77 – Länge: 3:43 Min.
» Bereits um 1930 befand sich eine Bäckerei im Ostertorsteinweg 77, Bäckerei Gröger. (Quelle: StAB, 10,B-Kartei-03775)

Ende Februar 1939 kamen Frieda und Siegmund Rosenberg bei Verwandten im Ostertorsteinweg unter. Siegmund konnte im Mai 1939 aus Deutschland ausreisen. Frieda blieb allein in Bremen zurück.


Station 4 – Kolpingstraße 4–6  – Länge: 3:31 Min.
» Polizeieinsatz nach der Pogromnach am 9. November 1938 im Geschäft von Erich Alexander. (Quelle: StAB 10,B-Kartei-04303_001)

Seit Jahren traten Vorurteile und Hass gegenüber Jüdinnen und Juden immer offener zu Tage – auch in Bremen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörte die SA die Synagoge.


Station 5 – Ecke Dechanatstraße / Am Landherrenamt – Länge: 3:26 Min.
» Am 9. November 1938 müssen über 170 Jungen und Männer durch die Stadt zum Gefängnis in Oslebshausen marschieren. (Quelle: StAB 10,B-AL-1321_012)

Seit 1982 erinnert dieses Mahnmal an die fünf in der Reichspogromnacht ermordeten Bremer Jüdinnen und Juden. 170 Männer und Jungen wurden am nächsten Tag in das KZ Sachsenhausen deportiert – auch Siegmund Rosenberg.


Station 6 – Am Wall 199 – Länge: 2:36 Min.
» Am Wall 199 befand sich zwischen 1934 und 1945 die Gestapostelle Bremen. (Foto: Projektteam)

Hier befand sich die Bremer Zentrale der Geheimen Staatspolizei. Ihre Aufgabe war die Überwachung und Bekämpfung der Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus. Hierzu zählte die Gestapo neben den politischen Aktivistinnen und Aktivisten vor allem auch Jüdinnen und Juden, Romnja und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas.


Station 7 – Finanzamt am Rudolf-Hilferding-Platz 1 – Länge: 3:00 Min.
» Luftaufnahme des Nordwollehauses (Haus des Reichs) in der Bahnhofsvorstadt in Bremen um 1930. (Quelle: StAB 10,B-FN-7-01125-(13×18-002307))

Im Haus des Reichs beteiligten sich die Beamten der Finanzverwaltung an der Ausbeutung jüdischer Menschen.


Station 8 – Bahnhofsvorplatz – Länge: 5:05 Min.
» Am 2. Juni muss die MS „ST. LOUIS“ den Hafen von Havana verlassen. Auch Siegmund Rosenberg fährt zurück nach Europa. (Quelle: USHMM)

Anfang Mai 1939 fuhr Siegmund Rosenberg nach Hamburg. Dort ging er an Bord der „ST. LOUIS“, deren Ziel Kuba war. Doch das Schiff durfte nicht in Havanna anlegen.


Station 9 – Theodor-Heuss-Allee 2 – Länge: 6:06 Min.
» Am 18. November 1941 werden 443 Bremer Jüdinnen und Juden vom Lloyd-Bahnhof nach Minsk transportiert – unter ihnen war auch Frieda Rosenberg. (Foto: Projektteam)

Frieda Rosenberg erhielt im Oktober 1941 den sogenannten Evakuierungsbefehl. Hunderte Jüdinnen und Juden wurden aus Bremen nach Minsk deportiert. Unter ihnen mehrere Verwandte von Frieda Rosenberg. Keiner überlebte.


Station 10 – Contrescarpe 73  – Länge: 3:40 Min.
» Deckblatt der Wiedergutmachungsakte von Frieda Rosenberg. (Quelle: StAB 4,54 E 10465)

Gertrud Rosenberg stellte nach dem Krieg acht Anträge auf Wiedergutmachung. Das Verfahren dauerte insgesamt 15 Jahre, in dem sie nachweisen musste, was mit ihrer Familie geschehen war.


Station 11 – Am Staatsarchiv 1 – Länge: 2:58 Min.
» In Archivkartons lagern im Staatsarchiv Akten, die nach vorheriger Anmeldung eingesehen werden können. (Quelle: StAB)

Wie haben wir von der Familie Rosenberg erfahren? Hier im Staatsarchiv liegen noch viele Akten, die solche Geschichten dokumentieren. Auch auf anderen Webseiten wie die der Projekte stolpersteine-bremen.de und
spurensuche-bremen.de findet ihr viele Informationen über die Jahre 1933-45 in Bremen.


Der Audiowalk als Spaziergang durch Bremen

Vorbereitung

Für den Audiowalk nutzen wir die App „radio aporee – miniatures for mobiles“. Ladet die App für Android im Google Playstore oder für iOS im App Store herunter. Radio Aporee ist eine offene Plattform, auf der jeder Audiodateien veröffentlichen kann. Daher seht ihr in der App auch andere Audioprojekte. Für den Audiowalk muss die GPS-Funktion eurer Smartphones aktiviert sein.

Vor Ort
  1. Startet die App in der Feldstraße 22 und wählt über die Funktionstaste „start walk“ den Audiowalk aus. Der Walk wird im entsprechenden Gebiet angezeigt. Ihr könnt die Töne aber erst hören, wenn ihr euch in der Nähe befindet.
  2. Die App zeigt euch eure aktuelle Position als Punkt auf einem Stadtplan mit unseren Stationen. Sobald ihr in den Radius einer Station hineingehen, wird der jeweilige Ton abgespielt. Ihr könnt eure eigenen Wege gehen; eine Reihenfolge haben wir auf diesem Flyer vorgeschlagen.
  3. Die einzelnen Stationen haben verschiedene Radien. In der App könnt ihr die genaue Größe leider nicht erkennen. Meist ist die tatsächliche Hörblase größer als der rote Kreis, den ihr auf dem Plan in der App seht.
  4. Verlasst ihr unbeabsichtigt eine Hörblase vor dem Ende der Tonspur, könnt ihr jederzeit wieder umkehren und weiterhören.
  5. Hohe Gebäude und dichte Wolken können die GPS-Ortung beeinflussen. Wenn ihr an den Stationen in Bewegung bleibt, erhöht dies die Genauigkeit.
  6. Ein Tipp: Stellt die Ruhefunktion eures Smartphones vorübergehend aus. Geht eurer Gerät in den Ruhezustand, wird der Audiowalk unterbrochen, und ihr müssen eurer Smartphone wieder „aufwecken“, um weiterzuhören.
  7. Noch ein Tipp: Solltet ihr trotz dieser Hinweise Schwierigkeiten mit der Technik haben, dann hilft meist ein Neustart der App.
Informationen zum Mitnehmen

Alle Informationen zum Audiowalk inkl. der Kurzbeschreibungen der Stationen sowie der Karte findet ihr in unserem Flyer: PDF.

Neue Termine im Frühjahr 2020

Die Projektreihe „Aus den Akten auf die Bühne“ ist eine Kooperation der Universität Bremen und der bremer shakespeare company. Seit 2007 wird historische Forschung in szenischen Lesungen auf die Theaterbühne gebracht.

Das Besondere: Wissenschaft und Kunst gehen Hand in Hand. Geschichtsstudierende forschen unter Anleitung von Dr. Eva Schöck-Quinteros zu Themen (nicht nur) der Geschichte Bremens in Archiven und Bibliotheken und transkribieren historische Dokumente. Ihre Forschungsergebnisse werden in den Begleitbänden zu den Lesungen veröffentlicht. Regisseur Peter Lüchinger destilliert aus den häufig vielen hundert Seiten Material eine szenische Lesung, die er mit den Schauspielerinnen und Schauspielern der bremer shakespeare company auf die Bühne bringt.

In der Regel finden unsere Veranstaltungen im Theater am Leibnizplatz in Bremen statt. Reservieren Sie direkt bei der bremer shakespeare company: www.shakespeare-company.com.

Doch spielen wir auch 2020 wieder an vielen anderen Orten in der Region und darüber hinaus. Bitte achten Sie auf dem angehängten Flyer auf die genannten Veranstaltungsorte sowie die Hinweise auf weiterführende Informationen und Reservierungsmöglichkeiten!

Keine Zuflucht. Nirgends.
Die Konferenz von Èvian und die Fahrt der St. Louis (1938/39)

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 nahm die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich immer mehr zu. Für viele war der einzige Ausweg die Flucht. Doch wohin?

US-Präsident Franklin D. Roosevelt lud zu einer internationalen Konferenz ein, die im Juli 1938 in Evian am Genfer See stattfand. Es wurde debattiert, diniert und um Einwanderungsquoten gefeilscht. Am Ende erklärte sich kein Staat bereit, seine Grenzen für die Verfolgten zu öffnen. Durch die Novemberpogrome verschärfte sich ihre Lage dramatisch.

Im Mai 1939 legte die St. Louis in Hamburg mit 937 Kindern, Frauen und Männern an Bord Richtung Kuba ab. Den Hafen von Havanna in Sichtweite wurde der St. Louis die Einfahrt verweigert. Auch die USA und Kanada lehnten die Aufnahme ab. Nach tagelangen Verhandlungen musste das Schiff beidrehen und zurück nach Europa fahren – einem ungewissen Schicksal entgegen.

Mi | 8. Januar 2020 | 19.30 Uhr
So | 2. Februar 2020 | 18.00 Uhr (mit anschließendem Publikumsgespräch)
Di | 21. April 2020 | 19.30 Uhr
im Theater am Leibnizplatz, Bremen

GASTSPIEL
Do | 12. März 2020 | 19.30 Uhr
im Theater Strahl, Berlin, Reservierung: www.theater-strahl.de

Bremen – Eine Stadt der Kolonien?

„Gebt uns unsere Kolonien wieder“, fordern die Bremer Nachrichten im April 1924. Schlagzeilen wie diese sind in der bürgerlichen Presse nach dem Verlust der Kolonien 1919 häufig zu finden. Doch welche Interessen hatten Männer und Frauen aus Bremen nach Afrika geführt? Wie begegneten sie dort der schwarzen Bevölkerung? Und wie verhielten sich Bremer und Bremerinnen gegenüber Afrikanerinnen und Afrikanern in der Hansestadt?

Die szenische Lesung schickt das Publikum auf eine Reise durch die koloniale Vergangenheit Bremens.

Di | 3. März 2020 | 19.00 Uhr
im Übersee Museum Bremen, Info: www.uebersee-museum.de

„Ich will dir so ein bißchen die Wahrheit schreiben.“
Aus den Briefen des Bremer Kaufmanns und Bataillonsfotografen Hermann Gieschen (1902-1951)

Hermann Gieschen ist 1941/42 zunächst in der Sowjetunion und später in den Niederlanden stationiert. In zahlreichen Briefen berichtet er zwischen Fürsorge, Angst und Entsetzen von der Front.

„Weißt Du, ich will Dir so ein bißchen die Wahrheit schreiben, wie es ist.“ Er erlebe so „allerhand Seltenheiten“ und 1941 berichtet er aus Litauen, er sei am Tag zuvor mit einem Exekutionskommando in einen Nachbarort gefahren: „Hier werden sämtliche Juden erschossen. Überall sind solche Aktionen in Gange. Männer, Frauen und Kinder, alles umgelegt.“

Die Briefe des Bremer Kaufmanns und Bataillonsfotografen sind einzigartige Dokumente der Binnensicht eines Polizeireservisten auf den Alltag des Polizeibataillons 105.

Mi | 11. März 2020 | 19.30 Uhr
in der Arbeitnehmerkammer Bremen, Info: www.arbeitnehmerkammer.de

Vom Eis Gebissen – Im Eis Vergraben
Geschichten aus der deutschen Polarforschung

Vor 150 Jahren, am 24. Mai 1868, brechen Kapitän Carl Koldewey und elf Mann Besatzung mit dem Segelschiff „Grönland“ in Richtung Arktis auf. Die Fahrt geht als erste deutsche Polarexpedition in die Geschichtsbücher ein. Im Juni 1869 startet Koldewey zu der zweiten Nordpolarexpedition. Diesmal stehen prominente Gäste am Pier von Bremerhaven und winken zum Abschied: König Wilhelm I., Minister-
präsident Bismarck, Kriegsminister Roon und Generalstabschef Moltke.

Was trieb die Polarforscher zu ihren riskanten Reisen in die Eiswüste? Mit welchen Erfahrungen und Erkenntnissen kehrten sie – wenn überhaupt – zurück? Wie veränderten die Ergebnisse ihrer Expeditionen unsere Vorstellungen von der Welt? Welche Interessen hatten Politik und Wirtschaft an der Polarforschung?

In der Lesung kommen Forscher wie August Petermann, Alfred Wegener, Johannes Georgi, Fritz Loewe und Ernst Sorge zu Wort und berichten: über ein Leben in Einsamkeit und Kälte, über Freundschaft und Konflikte, über die lange Trennung von ihren Familien und über die Bedeutung der vierbeinigen Begleiter.

Mi | 22. April 2020 | 19.30 Uhr
im Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven, Info: www.awi.de

Flyer zum Download

Den gesamten Flyer mit allen Terminen und Informationen finden Sie: HIER (PDF, ca. 1,3 MB)

Neue Termine im Herbst 2019

Aufgrund der großen Nachfrage zeigen wir auch im Herbst an vier weiteren Terminen unsere Lesung „Keine Zuflucht. Nirgends.“ über die Konferenz von Évian und die Fahrt der MS St. Louis (1938/39):

Donnerstag, 5. September 2019
Sonntag, 6. Oktober 2019
Mittwoch, 6. November 2019
jeweils um 19.30 im Theater am Leibnizplatz

Sonntag, 22. September 2019
um 18.00 Uhr mit anschließendem Publikumsgespräch

Karten: www.shakespeare-company.com

Bundesverdienstkreuz für Eva Schöck-Quinteros

Macht heuchelt Mitgefühl (Kreiszeitung vom 26. April 2019)

„Aus den Akten“ thematisiert Flucht und Untätigkeit – damals wie heute

Macht heuchelt Mitgefühl

Bremen – Von Mareike Bannasch. Belgien würde sie ja gerne nehmen. Aber es sind schon so viele Flüchtlinge im Land – irgendwann muss es reichen. Das findet auch der Franzose Henry Bérenger, den die verzweifelte Lage der Menschen zwar schon irgendwie berührt, aber durchfüttern will Paris die Massen auch nicht. Bleibt nur noch Übersee: Doch die Amerikaner haben ihre Quote von 27 370 Einwanderern pro Jahr bereits ausgeschöpft. Und aufstocken geht auch nicht. Das kann der Präsident seinen Wählern nicht verkaufen.

Ausflüchte, die nicht etwa in einer aktuellen Sitzung des Weltsicherheitsrats zu hören waren. Nein, wie man sich möglichst höflich darum drückt, Verantwortung zu übernehmen, hatten die Mächtigen der Welt bereits vor 81 Jahren verinnerlicht. Damals, als sie am 6. Juli 1938 im idyllischen Evian zusammenkamen, um ein Komitee zu gründen, das die Emigration von Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich erleichtern sollte. Nun ist dieses Treffen Teil der 15. Ausgabe der Reihe „Aus den Akten“ im Bremer Theater am Leibnizplatz. Sie trägt den Titel „Keine Zuflucht. Nirgends: Auf dem Land und auf dem Meer“ und thematisiert nicht nur die Konferenz von Evian, sondern bringt auch die Irrfahrt der MS St. Louis auf die Bühne.

Dort sitzen Simon Elias, Peter Lüchinger, Michael Meyer, Petra-Janina Schultz und Erika Spalke umgeben von Koffern aus verschiedenen Jahrzehnten und lesen aus Schriftwechseln, Zeitungsartikeln und Tagebucheintragungen rund um die Konferenz vor. Dokumente, die eindrucksvoll belegen, wie sich der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt angesichts der Eskalation des Juden-Hasses in Nazi-Deutschland zum Handeln genötigt sah. Immerhin waren es im Jahr 1938 Tausende Menschen, die versuchten, sich in Nachbarländern und Übersee in Sicherheit zu bringen. Männer, Frauen und Kinder, die zuvor jahrelang – oder im Fall Österreichs wochenlang – öffentlichen Demütigungen, Gewalt und Enteignung ausgesetzt waren.

So viel Leid macht auch den Mann im fernen Washington betroffen, allerdings nicht so sehr, als dass er sich dem Führer und seinen Schergen in Berlin entgegengestellt hätte. Nein, nicht mal die Begriffe Juden oder Nazi-Deutschland fallen in Evian, stattdessen ist vage von Flüchtlingen und Herkunftsland die Rede. Eine diplomatische Zurückhaltung, die nicht nur der „Völkische Beobachter“ hämisch kommentiert. Das Propagandablatt findet auch zum Ergebnis der Konferenz harte Worte: „Keiner will sie haben.“ Richtig, denn das Boot ist leider voll, Sie wissen schon.

Damit das auch so bleibt, verschärfen fast alle vertretenen Länder in den kommenden Monaten ihre Einreisevorschriften. Nicht nur, dass die Juden ein Visum ihrer neuen Heimat brauchen, nein, sie sollen auch noch Geld mitbringen. Viel Geld. Dumm nur, dass die Nazis sie wie Weihnachtsgänse ausgenommen haben – und den Menschen nun die finanziellen Mittel fehlen, um zu entkommen. Trotzdem versuchen sie natürlich alles: beantragen ständig neue Papiere, lassen Beziehungen spielen und kratzen das letzte Geld zusammen.

So wie die 937 Menschen, die am 13. Mai 1939 auf der MS St. Louis in Richtung Havanna in See stechen. 14 Tage soll sie dauern, die Reise in ein neues, sicheres Leben. Ein Traum, der in etlichen Tagebucheintragungen beschrieben wird und vor der Küste Kubas ein jähes Ende findet. Denn Präsident Federico Laredo Brú hat kurz vor der Abreise der St. Louis in Hamburg erneut die Regeln geändert, was tagelanges Warten in Sichtweite winkender Freunde und Verwandter nach sich zieht. Von Bord dürfen schließlich 28 Menschen. Der Rest schippert weiter übers Meer und erinnert an die Hilfsschiffe dieser Tage, die mit Geflüchteten vollbepackt auf der Suche nach Aufnahme im Mittelmeer umher fahren.

Die Passagiere der St. Louis werden schließlich auf die Niederlande, Belgien, Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Und fallen damit zu einem Großteil doch wieder den Nazis in die Hände, 254 von ihnen werden den Zweiten Weltkrieg nicht überleben. Darunter etliche Kinder, deren Namen und Alter in den Schlussminuten dieses höchst eindrücklichen Abends verlesen werden. Danach Schwärze, minutenlange Stille – und eine bittere Erkenntnis: Die Menschheit hat nichts dazugelernt. Gar nichts.

Kreiszeitung vom 26. April 2019
https://www.kreiszeitung.de/kultur/macht-heuchelt-mitgefuehl-12227977.html

Gastspiel im Bremer Focke-Museum

„Aus Gründen der inneren Sicherheit des Staates“
Ausweisung, Verfolgung und Ermordung des Bremer Arbeiters Johann Geusendam (1886-1945)

Dienstag, 14. Mai 2019
Focke-Museum, Bremen

Im Mittelpunkt der Lesung steht das Leben des Arbeiters Johann Geusendam (1886-1945), dessen Ausweisungsverfahren noch im Kaiserreich (1909) beginnt und schließlich am Ende der Weimarer Republik (1931) vollzogen wird. Zwangsmigration, Verfolgung und Widerstand prägten von da an das Leben Johann Geusendam. Nach seiner Ausweisung ging die Familie nach Enschede. Von dort aus organisierte Geusendam die Fluchthilfe für Emigranten aus Deutschland. 1940 wurde er von der Gestapo in Enschede verhaftet und durchlebte den Terror des NS-Strafsystems: Schutzhaft in Münster, Verurteilung durch den Volksgerichtshof in Berlin, Haft im Zuchthaus Brandenburg–Görden und 1944 schließlich Transport nach Süddeutschland in das Arbeitshaus Schloss Kaltenstein. Dort starb er im April 1945.

In Geusendams Bremer Jahren war der Fall „Johann Geusendam und Familie“ – wie kein zweiter – Gegenstand leidenschaftlicher Debatten in der Bremischen Bürgerschaft. In dem Konflikt um diese Ausweisung wird das Kräfteverhältnis zwischen Senat und bürgerlichen Parteien auf der einen und den Arbeiterparteien auf der anderen Seite immer wieder neu vermessen. Fragen von unverminderter Aktualität werden aufgeworfen, zum Beispiel: Wie lange bleibt ein Mensch Ausländer?

Die Lesung entstand als zweites Projekt der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ 2008. Sie wird nun im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Experiment Moderne“ im Focke-Museum erneut aufgeführt.

14. Mai 2019, 19.00 Uhr, Focke-Museum
Karten: 13 €, ermäßigt 6 €

Reservierung unter 0421-699 600-50

Neue Lesung: „Keine Zuflucht. Nirgends.“

Auf der Suche nach einem sicheren Hafen kreuzen Schiffe mit Geflüchteten an Bord über Flüsse und Meere. 32 Staaten beraten zehn Tage lang über die Aufnahme von Verfolgten – doch sie handeln nicht, am Ende gibt es nur Lippenbekenntnisse. Kein Staat will ihnen Zuflucht gewähren.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 nahm die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich immer mehr zu. Für viele war der einzige Ausweg die Flucht. Doch wohin?
US-Präsident Franklin D. Roosevelt lud zu einer internationalen Konferenz ein, die im Juli 1938 in Evian am Genfer See stattfand. Es wurde debattiert, diniert und um Einwanderungsquoten gefeilscht. Am Ende erklärte sich kein Staat bereit, seine Grenzen für die Verfolgten zu öffnen. Durch die Novemberpogrome verschärfte sich ihre Lage dramatisch.
Im Mai 1939 legte die St. Louis in Hamburg mit 937 Kindern, Frauen und Männern an Bord Richtung Kuba ab. Den Hafen von Havanna in Sichtweite wurde der St. Louis die Einfahrt verweigert. Auch die USA und Kanada lehnten die Aufnahme ab. Nach tagelangen Verhandlungen musste das Schiff beidrehen und zurück nach Europa fahren – einem ungewissen Schicksal entgegen.

TERMINE

Donnerstag, 25. April 2019
Sonntag, 28. April 2019
Samstag, 18. Mai 2019
Dienstag, 28. Mai 2019
Dienstag, 4. Juni 2019
Mittwoch, 26. Juni 2019

jeweils 19.30 Uhr
Theater am Leibnizplatz

KARTEN

13 Euro / erm. 6 Euro
www.shakespeare-company.com
0421 / 500 333

Das Projekt „Keine Zuflucht. Nirgends“ ist Preisträger im Wettbewerb „Theater Macht Geschichte“ (2018) der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und des Theaters der Jungen Welt Leipzig.

Flyer zum Download: HIER.

Neue Lesung: Revolution 1918/19 in Bremen

Revolution 1918/19 in Bremen.
„Das ganze Deutsche Reich steht heute gegen uns…“

Das Jahr 1918 markiert in unserer Erinnerungskultur nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch den Beginn der ersten deutschen Demokratie. Diese Umbruchszeit steht im Mittelpunkt der neuen szenischen Lesung aus der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“: Revolution, Räterepublik und Konterrevolution prägen die Jahre 1918 und 1919 – auch in Bremen. Worum geht’s?

9. November 1918: Der Arbeiter-und Soldatenrat Bremens erklärte: „Was hat sich ereignet? Nichts Geringeres als eine Revolution.“ Ihr Ziel sei die Aufhebung jeder Art von Unterdrückung, die sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse richte, und der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.

12. November 1918: In dem Aufruf des Rats der Volksbeauftragten in Berlin an das deutsche Volk wurden verschiedene – heute selbstverständliche – (sozial)politische Reformen verkündet: uneingeschränktes Vereins-und Versammlungsrecht; Abschaffung der Zensur; freie Meinungsäußerung; Achtstundentag; allgemeines, gleiches, geheimes, direktes Wahlrecht für Männer und Frauen.

15. November 1918: Der Arbeiter- und Soldatenrat hat die Ausübung der politischen Gewalt im Bremer Staatsgebiet übernommen: „Senat und Bürgerschaft bestehen nicht mehr“.

Nach einem überwiegend friedlichen Beginn der Revolution eskalierte nur knapp drei Monate später die Gewalt auch in Bremen, als die Division Gerstenberg zusammen mit dem Freikorps Caspari in die Hansestadt einmarschierte. Mindestens 83 Frauen, Kinder und Männer kamen während der Kämpfe am 4. Februar 1919 ums Leben. Einen Tag später informierte die von der Reichsregierung eingesetzte provisorische Regierung die Bevölkerung Bremens, dass alle Räte abgeschafft seien.

In der szenischen Lesung werden wichtige Stationen dieser Entwicklung aus der Sicht der verschiedenen Akteur*innen vorgestellt und die Auseinandersetzung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum bis zu den „Stacheldraht-Ostern“ verfolgt.

 

Szenische Lesung mit der bremer shakespeare company

26. November 2018 (Premiere)
28. November 2018
3. Dezember 2018
19.30 Uhr | Theater am Leibnizplatz

16. Dezember 2018
18.00 Uhr | Theater am Leibnisplatz
Anschließend Diskussion mit Prof. Mark Jones (Dublin)

20. Januar 2019
18.00 Uhr | Theater am Leibnisplatz
Anschließend Diskussion mit (N.N.)

Karten
13 Euro | 6 Euro erm.
bremer shakespeare company
www.shakespeare-company.com
Tel.: 0421 500 333

 

Gastspiel im Centrum Judaicum (Berlin)

Wie gehen deutsche Behörden mit Geflüchteten um? Und wie wir über sie in der Öffentlichkeit berichtet? Diese Fragen sind seit einigen Jahren omnipräsent – wieder einmal. In unserer Lesung „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben – ‚Lästige Ausländer‘ in der Weimarer Republik“ aus dem Jahr 2016 gehen wir der staatlichen und medialen Stereotypisierung und Stigmatisierung in der ersten deutschen Demokratie auf den Grund. Wir freuen uns sehr, dass wir nun mit der höchst aktuellen Inszenierung von der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum zu einem Gastspiel nach Berlin eingeladen wurden.

Die szenische Lesung findet am Montag, 15. Oktober 2018 um 18 Uhr im Großen Saal statt. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten: presse@centrumjudaicum.de oder Tel.: 030/ 88028316. Einlass ist ab 17 Uhr, Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburgerstraße 28-30, 10117 Berlin.

Der Flüchtlingsbewegung aus Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg begegnen weite Teile der deutschen Politik und Gesellschaft ablehnend – auch in Bremen. Forderungen nach Schließung der Grenzen, nach Abschiebung von Flüchtlingen oder Einrichtung von Internierungslagern werden immer lauter, das Reden über »Ausländerflut«, »Überfremdung« und »lästige Ausländer« ist weit verbreitet. Wer ist »nützlich« und darf bleiben, wer ist »lästig« und muss gehen? Diese Zuschreibungen entscheiden über die Zukunft der Geflüchteten.

Die Lesung präsentiert Dokumente, die einen Einblick vermitteln in die Debatte über die Zuwanderung aus Osteuropa. Sie zeigen, wie der Bremer Senat Ausweisungen und Abschiebungen von Geflüchteten praktiziert hat. Auch der Umgang mit den russisch-jüdischen Familien, die Ende 1923 in der Hansestadt strandeten, als die USA die Erfüllung der Quote für solche ImmigrantInnen verkündeten, wird dokumentiert.